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Geschichte der Bodensee - Kirchentage

Geschichtlicher Abriss über die Entwicklung des "Internationalen Bodenseekirchentags"

Die Initiative zu einem Treffen von ChristInnen aus den Ländern rund um den Bodensee ging Anfang der 80er Jahre von den evangelischen Pfarrern und Gemeinden in Lindau aus.

Die großen DEUTSCHEN EVANGELISCHEN KIRCHENTAGE hatten ganz neue Erlebnisformen von Kirche ermöglicht: Dort kamen Vielfalt religiöser Ausdrucksformen, Engagement, das Feiern des Glaubens, die offene Diskussion um wichtige Fragen des Lebens und Überlebens in ganz eigener Weise zusammen. Feier und Engagement - diese Verbindung ließ eine Vision von Kirche-Sein entstehen, die über die Alltagserfahrung mit Kirche und Gemeinde hinauswies.

Als Problem erwies sich immer wieder, dass die Kirchentagsbesucher als einzelne in ihre Gemeinden zurückkehrten. Dies machte es schwierig, die neuen Erfahrungen zu vermitteln, oder gar Impulse vom Kirchentag in die eigene Gemeinde einzubringen.

Hier setzte die Idee des Bodensee-Kirchentags an: Kirchentagserfahrung sollte möglichst nah an der Erlebnisebene der Gemeinden gewonnen werden. Hinzu kam noch die Besonderheit der Bodenseeregion als Berührungspunkt dreier Länder. Zumindest im kirchlichen Bereich erwiesen sich die Landesgrenzen (aber auch die Grenzen der verschiedenen Landeskirchen in dieser Region) als überaus trennend oder beziehungslos. Angesichts der großen Herausforderungen, die alle Menschen unabhängig von nationalen Abgrenzungen betreffen, sollte der Bodensee-Kirchentag Begegnung über die Grenzen hinweg herbeiführen und Möglichkeiten für gemeinsames Denken und Handeln schaffen.

Ein regionaler Kirchentag wie der Bodensee-Kirchentag konnte keine, nur etwas verkleinerte, Kopie des Deutschen Evangelischen Kirchentags werden wollen. Aber er konnte immerhin prägende Elemente des DEK aufnehmen.

Als überaus günstig erwies sich, dass in Pfarrer Georg Kugler (Lindau) ein Inspirator zur Verfügung stand, der über viele Jahre hinweg die Deutschen Evangelischen Kirchentage wesentlich mitgestaltet hatte und mit seiner Erfahrung die MitarbeiterInnen in Lindau ermutigte, die Ausrichtung eines Bodensee-Kirchentages zu wagen. Von vornherein waren auch VertreterInnen aus anderen Landeskirchen und Ländern zur Mitarbeit eingeladen; vereinzelt kam solche Mitarbeit auch zustande.

 


Der 1. INTERNATIONALE BODENSEE-KIRCHENTAG
fand vom 01. bis 03. Juni 1984 in Lindau statt.

Leitwort: "Wahrheit suchen - Farbe bekennen".

Prominente Mitwirkende: Probst Heino Falcke (Erfurt, DDR) und Prof. Dr. Wolfgang Huber, der spätere Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags, dazu das Gesangsorchester Pit Janssens (es begleitete auch den Kirchentag in Romanshorn).

Damals war der besondere politische Hintergrund die Mittelstrecken-Raketen-Nachrüstung der NATO und die befürchtete Beschleunigung der Hochrüstungsspirale. den Kirchentag begleitete die Frage: Wie können ChristInnen und Kirchen dieser todbringenden Entwicklung entgegenwirken?


Der 2. INTERNATIONALE BODENSEE-KIRCHENTAG
am 07. und 08. Juni 1986
wurde ebenfalls von der Lindauer MitarbeiterInnengruppe vorbereitet.

Motto: "Und ihr werdet leben".

Dieser Kirchentag stand stark unter dem Eindruck von Tschernobyl. Prominente Teilnehmer: Prof. Dr. Walter Hollenweger (er wirkte auch in Romanshorn wieder mit), der deutsche Bundesrichter Helmut Simon (einer der Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentags).

Die Zusammensetzung des Vorbereitungskreises war gegenüber dem ersten Kirchentag schon etwas "internationaler" geworden. Dies galt auch für die Zusammensetzung der BesucherInnen; die Teilnehmerzahl lag bei 2000.


  Der 3. INTERNATIONALE BODENSEE-KIRCHENTAG
fand am 11. und 12. Juni 1988 
in Konstanz statt

Leitwort: "Vertrauen wagen"

Erstmals beteiligten sich Schweizer Gemeinden unmittelbar an der Ausrichtung eines Bodensee-Kirchentags: Der Familiengottesdienst wurde von Schweizer Mitarbeiterinnen vorbereitet und im evangelischen Gemeindehaus in Kreuzlingen durchgeführt. Auch Arbeitsgruppen fanden in Kreuzlingen statt.

Zitat zum Leitwort "Vertrauen wagen" aus dem Einladungsschreiben:
"Vertrauen wagen - Der weg zur ökumenischen Weltversammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ist ein konziliarer Prozess, den unsere Gemeinden am Bodensee mitgehen sollen."

Seit dem 3. INTERNATIONALEN BODENSEE-KIRCHENTAG haben die Arbeitsgruppen zu sozialen, kirchlichen, politischen und persönlichen Problemfeldern ein besonderes Gewicht. Die internationale Zusammensetzung der Vorbereitungsgruppe hatte sich inzwischen verstärkt.


Der 4. INTERNATIONALE BODENSEE-KIRCHENTAG
fand im Juni 1990 in Bregenz statt.

Leitwort: "Damit aus Fremden Freunde werden".

Räumlich gab es eine Besonderheit: Zentrum des Kirchentags war der säkulare Rahmen des großen Festspielhauses.

Bemerkenswert war vor allem, dass eine kleine evangelische Diasporagemeinde den Mut hatte, einen Kirchentag für etwa 3000 TeilnehmerInnen auszurichten.

Bei der Vorbereitung dieses Kirchentags erfolgte der eigentliche Durchbruch zum "ökumenischen" Kirchentag: erstmals arbeiteten VertreterInnen der katholischen Kirche im Leitungskreis mit, die katholischen Gemeinden beteiligten sich am Kirchentag und stellten Gemeindehäuser und Kirchen zur Verfügung.

Das Motto entwickelte sich auf dem Hintergrund der wachsenden Fremden- und Ausländerfeindlichkeit in allen drei Ländern am Bodensee. Somit stand diese Thematik beim Kirchentag in Bregenz im Vordergrund.

Prominente Mitwirkende: Marga Bühring (Basel), eine der Präsidentinnen des Ökumenischen Rates der Kirchen; Werner Krusche, Altbischof aus Magdeburg, DDR; die Professoren Kurt Lüthi und Paul Zulehner aus Wien; dazu das Gesangsorchester Pit Janssens.

 

Etwa 4000 Menschen kamen zum

5. Internationalen Bodensee-Kirchentag
im Mai 1992 in Romanshorn.

Das Motto hieß: "Aus Wurzeln leben".

Es war der erste Bodensee-Kirchentag, der von Schweizer Gemeinden ausgerichtet wurde. In 15 verschiedenen Arbeitsgruppen, Gottesdiensten und öffentlichen Gesprächsforen ging man den Wurzeln des eigenen Glaubens nach. U. a. referierte Prof. Durchrow, Heidelberg, über "1592: Eroberung Lateinamerikas - 1992: Wie erobert Europa heute?" Die bereits in Bregenz 1990 verstärkte Mitarbeit römisch-katholischer Gemeinden bewährte sich auch in Romanshorn. Seit Bregenz 1990 und Romanshorn 1992 kann der Bodensee-Kirchentag zurecht als ökumenischer Kirchentag angesehen werden.

 


Der 6. INTERNATIONALE BODENSEE-KIRCHENTAG
vom 17. bis 19. Juni 1994 fand in Markdorf (Linzgau) statt.

Als Motto für dieses ökumenische Treffen von ChristInnen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland hatten die VeranstalterInnen gewählt:

"Mit Grenzen leben - Krise als Chance".

Im Jugendzentrum und im Frauenzentrum wurde die Möglichkeit geboten, in Seminaren und Werkstätten, in Begegnungen und offener Aussprache miteinander vertraut zu werden und Antworten zu den Grenz-, Abgrenzungs- und Ausgrenzungserfahrungen zu suchen. Im "Cafe Grenzenlos" trafen sich Behinderte und nicht Nichtbehinderte. Diese besondere "Grenzüberschreitung" war für den Bodensee-Kirchentag ein Gewinn. Die Begegnung von Behinderten und Nichtbehinderten bildet seitdem einen wichtigen Bestandteil des Bodensee-Krichentags.

Eigentlich war für 1996 Friedrichshafen als Veranstalterin vorgesehen. Als sich dieser Plan nicht verwirklichen ließ, sprangen dankenswerterweise ChristInnen und Gemeinden von Rorschach als Ausrichter des 7. Internationalen Bodensee-Kirchentags in die Bresche.

 


Der 7. INTERNATIONALE BODENSEE-KIRCHENTAG
fand am 22. und 23. Juni 1996 in Rorschach statt.

Motto: "...Wie im Himmel so auf erden"

Dieser Kirchentag, der von etwa 2000 Menschen besucht wurde, empfand sich als wichtige Station auf dem Weg zwischen Basel und Graz, den Orten der ersten (1989) und zweiten (1997) Europäischen Ökumenischen Versammlung.

Erstmals gab es bei einem Kirchentag neben einem Frauen- auch ein Männerzentrum. Die weiteren Zentren widmeten sich folgenden Themenbereichen: "Leben mit Grenzen"; "Gerechtigkeit, Friede, Schöpfung"; "Weltreligionen und Kirche"; "Stille und Gebet".

Alle Gottesdienste am Sonntag wurden als ökumenische Gottesdienste gefeiert.

Am gesonderten Kinder- und Jugendprogramm nahmen ca. 300 Kinder und Jugendliche teil.

 

Im Zeichen von Toleranz und Weltoffenheit


8. Internationaler Bodensee-Kirchentag am 16. und 17. Mai 1998
in Konstanz und Kreuzlingen unter dem Motto

"Mach’s wie Gott - werde Mensch!"

"Mach’s wie Gott - werde Mensch!", dieser Graffiti-Spruch aus Zürich stand als Motto über dem 8. Bodensee-Kirchentag, den wieder einige tausend Menschen besuchten. Die "Bewahrung der Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen" war das zentrale Anliegen, über welches während des zweitägigen Treffens in Workshops, öffentlichen Foren und Podiumsdiskussionen nachgedacht und diskutiert wurde. 300 Kinder, Jugendliche und Erwachsene erarbeiteten im Vorfeld ein vielfältiges und ansprechendes Programm. Eingeladen wurde zu Frauen- und Männerforen, Workshops und Podiumsdiskussionen zu aktuellen Themen, wie zum Beispiel: Arbeitswelt, Dialog und Information über Christentum und Islam, Meditation, Gentechnologie. Die Themenbereiche trugen aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen Rechnung. Ein breites Kinder- und Jugendprogramm, kulturelle Darbietungen sowie Aktionen, die einfach nur Spaß machten rundeten das Programm ab.

Bei der Abschlussveranstaltung wirkten Weihbischof Dr. Paul Wehrle (Erzdiözese Freiburg), der Landesbischof von Baden, Dr. Ulrich Fischer und der Bischof der alt-katholischen Kirche, Joachim Vobbe, mit. Bezugnehmend auf das Motto des 8. Kirchentags ermutigten sie dazu, christliche Werte im Alltag selbstbewusst zu leben, denn "ohne Menschlichkeit trockne der Glaube aus und die Gesellschaft werde erbarmungslos".

Dieter Dorn, Pfarrer Konstanz

  


9. internationaler Bodensee-Kirchentag vom 23. - 25. Mai 2000
in Friedrichshafen unter dem Motto

"am Wind bleiben"

Ökumenisches Treffen von Christen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz

Unter diesem Motto aus der Seglersprache standen über 100 Veranstaltungen des 9. Bodensee-Kirchentags, der zum ersten Mal am württembergischen Seeufer, in der Industrie- und Messestadt Friedrichshafen stattfand. Über drei Tage hinweg sind über 5000 Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche gekommen: Vom heiligen Geist bewegt wollten sie „am Wind bleiben“, d.h. sich den Fragen der Zeit stellen und christliche Positionen in den gesellschaftlichen Dialog mit einbringen. „Am Wind bleiben“ und sich hinauswagen in stürmische, unbekannte Gewässer und sich nicht gleich in den sicheren Hafen der Mutter Kirche retten, wenn einem der Gegenwind ins Gesicht bläst. 

Gemeinsam sind wir stark. Diese Überzeugung führte dazu, den Kirchentag im Dreiländereck ganz in ökumenischer Verantwortung auszurichten und unterschiedliche kirchliche „Flügel“ zu integrieren. Die organisatorische Mühe hat sich gelohnt. Geblieben sind viele gute Erfahrungen im ökumenischen Miteinander, die ausbaufähig sind. 

Bestärkung, Ermutigung und neuen Schwung für die Arbeit in der Heimatgemeinde haben viele der Besucher und Besucherinnen mit nach Hause genommen. Es war ein Fest des Glaubens und der Freude, bei dem Beziehungen gewachsen sind, die Brücken schlagen über Länder- und Konfessionsgrenzen hinweg.

Wegweisende Worte zum Thema Ökumene gab es auf der Schlussveranstaltung vom katholischen Weihbischof Thomas Maria Renz und vom evangelischen Landesbischof Eberhard Renz: „Heute muss sich derjenige rechtfertigen, der nicht ökumenisch denkt und handelt. Jetzt ist es an der Zeit, Mauern niederzureißen. Denn der Ökumene gehört die Zukunft.“ 

 


10. Internationaler Bodensee-Kirchentag vom 21. – 23. Juni 2002
in Bregenz unter dem Motto

„ ... denn ihnen wir die Erde gehören“

Unter dem aus der Bergpredigt stammenden Motto „ ... denn ihnen wird die Erde gehören“ kamen über 7000 Christinnen und Christen aus dem ganzen Bodenseeraum zum 10. Boden-
see-Kirchentag in Bregenz zusammen.
Die Bergpredigt und das Thema der Gewaltlosigkeit spielten auch bei den verschiedenen Veranstaltungen eine große Rolle. Vorträge, Diskussionen, eine große Zahl von Workshops, Konzerte und Gottesdienste, ein umfangreiches Angebot für Kinder und Jugendliche sowie der Markt der Möglichkeiten bildeten das bunte Programm, das den Kirchentag zu einem Fest des Glaubens und der Hoffnung, aber auch zu einem Anlass für kritische Auseinandersetzung mit negativen Entwicklungen unserer Zeit werden ließ.
So übte der aus Vorarlberg stammende brasilianische Bischof Erwin Kräutler in seinem Vortrag heftige Kritik an den reichen Ländern und forderte die Kirchen auf, zu den Missständen und Ungerechtigkeiten auf dieser Welt deutlicher Stellung zu beziehen. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle klagte im Rahmen des Frauenforums den derzeit praktizierten Globalisierungsstil „als eine neue Form der Sklaverei“ an und rief dazu auf, gegen die zunehmende Entrechtlichung Widerstand zu leisten.
Auf großes Interesse der Kirchentagsbesucher stieß auch der eigens aus diesem Anlass errichtete Gedenkweg, der an die Opfer des Naziregimes in Bregenz erinnert.
Der 10. Bodensee-Kirchentag in Bregenz hat durch seine Vielfalt und Lebendigkeit und die hervorragende Zusammenarbeit aller Beteiligten bewiesen, dass die Ökumene – allen Schwierigkeiten zum Trotz – lebt.

Herbert Pruner